Okt 3 2009

Es gibt ein politisches Leben ausserhalb des Internets

Den Tag der deutschen Einheit nahm Alexander Merz von golem.de zum Anlass sich über Twitter, facebook und Co. und deren Auswirkung auf das Geschehen im wirklichen Leben Gedanken zu machen. Im Kommentar mit dem plakativen Titel “IMHO: Die Mauer fiel nicht durch Twitter “ geht er darauf ein, dass der Umbruch in der DDR eben nicht durch auf dem Sofa verfassten Aufrufen in Blogs oder durch Videos auf youtube geschah.

Wer 1989 mitwirken wollte, musste raus gehen und auf der Straße oder am Arbeitsplatz durch Demonstrationen und Diskussionen Flagge zeigen und überzeugen. Auf die politische Diskussion im zurückliegenden Wahlkampf, und darüber hinaus, bezogen bedeutet Eintreten für eine politische Überzeugung eben auch Gespräche mit Menschen aus Fleisch und Blut und nicht nur Aktionen im Netz unter dem plakativen Label “Politik 2.0″. Gerade wenn man sich viel im Netz bewegt, vergisst man (zu) leicht, dass viele der Millionen Internetanschlüsse in Deutschland von Leuten benutzt werden, die eine Internetadresse ins Suchfeld von google eintippen und sonst außer dem Versand von E-Mails kaum andere Möglichkeiten des Internets nutzen. Die berühmten “Netzbewohner” oder Netizen stellen eben doch noch nicht die Mehrheit der Bevölkerung.

Im Wahlkampf haben sich die Unterstützergruppen der Parteien mal wieder mit Versuchen übertroffen, mit mehr oder weniger witzigen Videos und anderen Aktionen möglichst viel Reaktionen in den Blogs zu erreichen. Und hofften dadurch die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Aber war das wirklich wirksam?

Ein Passant auf der Straße aber bekommt davon nichts mit. Auch Kontrahenten überzeugt man so nicht. Ein Youtube-Video kann man nicht ausdrucken, einen Browser einfach schließen. Das Internet stellt Öffentlichkeit her, ist aber nur ein Weg unter vielen.

Dieses Zitat aus dem golem-Kommentar bringt es für mich sehr schön auf den Punkt. Gerade diese “Nichtausschliesslichkeit” scheint für viele der Netzaktiven schwer zu akzeptieren zu sein. Beim Politcamp09 im Mai hatte ich öfter den Eindruck, dass zwar gewünscht war, dass sich Politiker im Netz bewegen, dann aber bitte authentisch und mit 100% selbstverfassten Statements in Twitter, Blog und facebook. Dass nebenbei noch Politik im Parlament, in Gremien und Infoveranstaltungen gemacht werden muss, die eigene Familie auch noch zu ihrem Recht kommen soll und auch der Tag für Politiker nur 24 Stunden hat, schien nicht zu interessieren. Dabei waren es genau die Sessions, in denen sich twitternde, bloggende und sonst im Internet aktive Politiker aller Ebenen zu ihren Erfahrungen äußerten, die den Kern dieser Veranstaltung bildeten. Es gibt sie also, die politisch Aktiven, die das Netz verstehen und nutzen.

Auf der anderen Seite gibt es eben noch zu viele Politiker, die meinen mit Twitter, facebook und Co. einen weiteren kostengünstigen Weg gefunden zu haben, ihre Statements unters Wahlvolk zu bringen. Und weil sie von den Beratern erzählt bekamen, Obama habe im Internet die Wahl gewonnen, fühlen sie sich in ihrem Handeln bestätigt. Wie man es nicht macht, zeigt zum Beispiel der Genosse Matschie, der im Wahlkampf in Thüringen fleißig twitterte aber seit der Wahl seinen Account vernachlässigte. Gerade jetzt könnte er zeigen, dass er direkten Nachfragen nicht aus dem Weg geht.

Besser macht es Ralf Stegner, der nach der Wahl genauso viel und intensiv twittert wie vor der Wahl. So stelle ich mir Authentizität vor, deshalb hier auch noch die Adresse von Ralfs twitter-Account, auf dem sich auch die eine oder andere Diskussion mit “Andersgläubigen” von der Union verfolgen lässt. www.twitter.com/Ralf_Stegner

Das politische Leben findet heute im Gegensatz zu 1989 auch im Internet statt, weil es heute diese Möglichkeit gibt. Und 1989 eben nicht. Es wird in den plakativen “Entweder-oder-Diskussionen” eben gerne vergessen, dass es ein “Sowohl-als-auch” ist. Wer etwas gesellschaftlich bewegen möchte, muss beide Welten bedienen.


Sep 26 2009

Deshalb SPD wählen

Ich gebe zu, bei dieser Bundestagswahl habe ich etwas Zeit gebraucht um mich für das Wählen meiner Partei zu entscheiden. Die Erststimme stand dabei nie zur Debatte, schließlich ist Hilde Mattheis im Wahlkreis Ulm überdurchschnittlich engagiert unterwegs. Etwas, das selbst CDU-Mitglieder von ihrer Abgeordneten, der Frau Schavan, nicht behaupten würden, ohne hinterher beichten zu gehen. Macht eben doch einen Unterschied, ob man im Wahlkreis lebt oder nur dort wohnt.

Frank-Walter Steinmeier

Mit den Vorschlägen des Wahl-O-Maten für meine Zweitstimme hatte ich mich ja schon beschäftigt. Nun ist es ja relativ einfach zu sagen, was man nicht will. Die Begründung dazu ist auch meistens recht schnell gefunden. Schwieriger wird es dann, wenn man gefragt wird, warum der Fragende denn SPD wählen soll. Da kommt man mit “Bauchgefühl” und “mit Schwarz-Gelb wird es ganz schlimm” nicht weit. Und das WahlRegierungsprogramm hilft in dieser Situation mit seinen 94 Seiten auch nicht wirklich weiter.

Da ist es ganz gut, dass sich auf der Internetseite der besten Partei von allen, eine Zusammenfassung der 8 wichtigsten Wahlziele abrufen lässt. Um mir die (Ab)Tipperei zu ersparen, verlinke ich einfach auf die einzelnen Unterpunkte auf der SPD-Homepage.

  1. Gute Löhne für gute Arbeit – und zwar für alle!
  2. Erstklassige Bildung ohne Gebühren!
  3. Klimaschutz mit sicherer Energie statt gefährlicher Atomkraft!
  4. Unterstützung für unsere Familien!
  5. Echte Gleichstellung für Frauen!
  6. Ein tolerantes Land für alle – Vielfalt statt Einfalt!
  7. Eine menschliche Gesellschaft statt ungezügeltem Kapitalismus!
  8. Fortschritt durch Arbeit, Bildung, Nachhaltigkeit

Also: Am 27.9. beide Stimmen für die SPD, damit der bessere Kandidat Kanzler wird.


Sep 20 2009

magazin für fotografie

Wird mal wieder Zeit für einen Lesetipp. Wobei sich Lesetipp bei einem bilderlastigen Magazin etwas seltsam liest.

In der Fotocommunity bin ich durch Zufall auf den Account von Yannic Schon & Susann Probst gestoßen, die dort unter dem Namen Paul und Paula auftreten. Und habe dort von der Möglichkeit erfahren das “magazin für fotografie Zimmer /117″ bestellen zu können.

Nachdem ich mein Exemplar nun schon einige Tage auf dem Couchtisch liegen habe und immer noch begeistert darin blättere, möchte ich einfach mal etwas Werbung einstreuen.

Zimmer/117 Magazin

Zimmer/117 | Magazin

Also, wer einfach mal ein gutes Fotomagazin ohne Werbung und photogeschoppten Hochglanzschönheiten sehen will, sollte sich eines der 400 durchnummerierten Magazine sichern. Meines trägt übrigens die Nummer 90.

Neben den schon genannten Susann Probst und Yannic Schon zeigen 6 weitere Fotografen ihre Bilderserien im Magazin. Die einzelnen Fotografen sind auch für die grafische Gestaltung ihrer Fotoseiten verantwortlich. So finden sich auf den 86 Seiten des Magazins auch vielfältige optische Eindrücke.

Das Magazin ist jeden Cent der 9,80€ (11,50€ incl. Versand) wert. Sichern kann man sich sein Exemplar auf http://magazin.zimmer117.de/

Die Wartezeit bis zur Lieferung kann man sich auf der Internet-Seite des Projekts zimmer 117 vertreiben.


Sep 8 2009

Grün-rot-rot mit Piratenflagge

Der Beitrag bei Jens zum Ergebnis seines Besuchs beim Wahl-O-Maten der Bundeszentrale für politische Bildung (dem kostenfreien Original) hat mich neugierig gemacht. Deshalb habe ich da heute auch mal alle 38 Fragen beantwortet.

Mein Wahl-O-Mat-Ergebnis

Das Ergebnis zeigt die vier Parteien vorne, die ich dort nach meiner Selbsteinschätzung auch erwartet habe. Überrascht hat mich, dass die Grünen mit 65 Punkten den Platz ganz vorne belegen. Dass die SPD und den Piraten mit 63 Punkten gleichauf und die Linken (57 Punkte) knapp dahinter weit vor den neoliberalen Parteien FDP (41) und CDU/CSU (36) landen, war dann weniger überraschend.

Warum ich trotzdem nicht zum Grünen-Wähler werde, hat mehrere Gründe. Zum einen sind die Übereinstimmungen, die den Unterschied zur SPD ausmachen, in Themenbereichen zu finden, die mir persönlich nicht wichtig genug für eine darauf basierende Wahlenscheidung sind. Wie zum Beispiel die “Christlichen Werte” oder die “Praxisgebühr”. Zum Anderen bin ich ich den Grünen absolut nicht sicher, dass sie nicht auch in einer schwarz-grünen oder Jamaika-Koalition mitregieren würden. Die dazu notwendige Flexibilität gegenüber dem eigenen Wahlprogramm traue ich ihnen nach den Erfahrungen der Landtagswahl in Hamburg 2008 auch zu.

Die Piraten und die Linken werde ich aus verschiedenen aber dann doch wieder ähnlichen Gründen auch nicht wählen. Beide Parteien definieren sich für mich zu stark über das, gegen das sie sind, als dass sie überzeugend darstellen können, was sie wirklich erreichen wollen. Bei der Linksspartei beziehe ich diese Kritik überwiegend auf die Landesverbände in den “alten” Bundesländern, die ich nur als Anti-Hartz-IV-Partei mit teilweise seltsamen Personal wahrnehme.

Das seltsame Personal findet sich bei den Piraten und ihren Anhängern auch. Dieser Eindruck drängt sich mir regelrecht auf, wenn ich mir die Kommentare dieser Leute bei Jens oder in anderen Blogs anschaue, in denen Kritik an dieser Partie der wenigen Themen geäußert wird. Komischerweise kann man dem Begriff Piratenpartei ausserhalb des Internets kaum jemand etwas anfangen, wenn ich mich mit Freunden, Verwandten oder Kollegen über Politik unterhalte. Die wenigen Äußerungen zu den Piraten, die kamen, gingen aber eher in die Richtung “das sind doch die, die für Raubkopien und Kinderpornografie sind”.

Die Piraten sind eine Art Internet-Scheinriese, der durch die starke Präsenz im Internet dort sehr stark wahrgenommen wird, aber bei Wählern, die sich über die klassischen Medien informieren nicht als ernsthafte Alternative zu den etablierten Parteien angesehen wird.

Auch wenn ich nicht mit allen Entwicklungen der letzen Zeit einverstanden bin, ist und bleibt die SPD dann doch die Partei, die ich aus Überzeugung wählen werde. Und die Defizite im Umgang mit dem Internet werden wir von der Basis ihr schon noch austreiben.


Sep 5 2009

Analoge Spielerei?

Der Artikel auf SPON ist zwar schon etwas älter, da er aber unter dem Titel “Experten-Tipps: So gelingen analoge Foto-Experimente” vorgibt sich mit der zeitloseren Art der Bilderstellung zu befassen, lohnt sich auch heute noch ein genauerer Blick.

Weil ich ja auch gerne noch Filme in Kameras packe und damit zum Fotografieren durch die Gegend ziehe, habe ich mich zunächst auch gefreut, dass sich ein solches Mainstream-Medium wie Spiegel online mit der silberbasierten oder analogen Fotografie beschäftigt. Der Teaser fängt auch schon gut an.

Alle Welt fotografiert digital, doch experimentierfreudige Hobbyfotografen schaffen mit Filmen und Analog-Kameras vom Flohmarkt außergewöhnliche Bildeffekte.

Doch schon bald merkt man, dass der SPON-Redakteur sich nur oberflächlich im Netz und dort überwiegend bei der lomografischen Gesellschaft informiert hat. Das Ganze wird dann in leicht verdauliche Häppchen aufgeteilt, die die folgenden Titel tragen.

1. Teil: So gelingen analoge Foto-Experimente
2. Teil: Wann lohnt es sich, auf Film zu fotografieren?
3. Teil: Welche Kameras sind empfehlenswert?
4. Teil: Worauf muss man beim ersten Film-Versuch achten?
5. Teil: Welches Filmmaterial bringt tolle Effekte?
6. Teil: Wie sollte man Filme entwickeln und scannen?
7. Teil: Wettbewerb – schicken Sie uns Ihre Analog-Fotos!
8. Teil: Analoge Fototechnik – die Fachbegriffe noch einmal kurz erklärt

In den einzelnen Kapiteln kommen dann Fotografen zu Wort, die überwiegend mit Kameras aus dem Angebot der Lomo-Freunde fotografieren. Hugo Pereira und Stéphane Heinz haben sogar recht umfangreiche Bildersammlungen auf lomography.com.

Leider beschränken sich dann auch noch die zu Beginn versprochenen außergewöhnlichen Effekte auf Crossentwicklung (also Diafilme als Negativfilme entwickeln bzw. umgekehrt) und Polaroidbilder. Die besondere Wirkung einer Schwarzweißaufnahme auf Film im Gegensatz zu aus bunten Digitalbildern abgewandelten Bildern ohne Farbe wurde gar nicht erwähnt. Ganz zu schweigen von IR-Filmen und andern Spielarten der Fotografie auf Film.

Die Sicht der SPON-Netzweltredaktion auf die analoge Fotografie beschränkt sich also überwiegend auf die sogenannten Toy cameras eines Online-Händlers und den Spielarten der Fotografie, die auf dessen Internet-Seite als kreativ dargestellt werden.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Artikel als schlecht recherchiert oder als gut getarnte Schleichwerbung einstufen soll. Oder wurde hier jemand, der von der Fotografie nur soviel weiß, um die Vorderseite einer Kamera zu erkennen, damit beauftragt einen Artikel über analoge Fotografie zu schreiben? Schaut man sich die Auflistung der “analogen” Fachbegriffe an, könnte dies durchaus der Fall sein. Schliesslich tummeln sich da auch einige Begriffe, deren Bedeutung auch der Digitalknipser kennen sollte.

"Analoge" Fachbegriffe

Bleibt das Fazit: Der Spiegel ist auch nicht mehr das, was er mal war.

Eigentlich schade, aus dem Thema hätte man mehr machen können.