Nov 30 2004

Nicol Ljubic: Genosse Nachwuchs

Der Satz soll auf keinen Fall ironisch klingen. Ich habe ihn geübt, zu Hause vor dem Spiegel, mit verschiedenen Betonungen, mal auf »möchte«, mal auf »SPD«. Man soll mir glauben, dass ich es ernst meine. »Ich möchte in die SPD eintreten!« Als ich vor dem Pförtner stehe, verschlucke ich aus Versehen das »in«, sage: »Ich möchte die SPD eintreten.« Er sagt: »Warten Sie, ich hole jemanden, der Ihnen hilft.« Dann greift er zum Hörer. Er wirkte nicht überrascht.

Genosse Nachwuchs-CoverSo beginnt die Mitgliedschaft von Nicol Ljubic in der SPD. Ein Berliner Journalist, Anfang 30, tritt in die älteste demokratische Partei Deutschlands ein.
Was er dabei erlebt und über sich und die Partei lernt, schildert er auf über 200 Buchseiten sehr amüsant.
Für Nicht-Genossen entsteht manchmal den Eindruck er würde übertreiben. Dem ist aber nicht so. Bei meinen eigenen Parteieintritt vor 5 Jahren ging es mir damals in vielen Dingen ähnlich. So funktioniert nun mal das Parteileben. Eigentlich zeigt das nur wie weit sich die politische Wirklichkeit an der Basis von der von den (und für die) Medien inszenierten Politik unterscheidet.

Die Nervosität vor der ersten Parteiveranstaltung, das Erstaunen, dass Politpromis auch nur normale Menschen sind, die auch mal einen schlechten Tag haben können, all das ist sehr authentisch beschrieben.

Es gibt natürlich auch Unterschiede zu meinem Erleben der Partei. Wenn Ljubic schreibt, dass bei Wahlen mehr Mitglieder anwesend sind als sonst üblich, so kann ich das für die oberschwäbische “Diaspora” so nicht bestätigen. Manchmal habe ich den Eindruck es ist bei uns genau umgekehrt. Man bleibt zu Hause, weil man befürchtet sonst mit einem Parteiamt von der Versammlung zurück zu kommen. Auch trifft man hier nicht andauernd auf Minister und Staatssekretäre.

Das Buch kann ich jedem empfehlen, der sich in irgend einer Form für das Funktionieren von Politik interessiert. Ebenso ist das Buch auch für jeden geeignet, der beim Lesen nur gut unterhalten werden will.

Einen guten Eindruck vermittelt die Leseprobe in der Zeit.


Okt 4 2004

Thomas Kastura: die letzte Lüge

Normalerweise lese ich keine Krimis.
Den ersten Roman von Thomas Kastura habe ich mir auf eine Empfehlung im WebSozi-Forum angeschafft. Nach der Lektüre muss ich sagen, die SPD-Webmaster haben nicht nur Ahnung von HTML und Politik, die wissen auch, was ein gutes Buch ist.
Die letzte Lüge
Zur Geschichte: Der Fotograf Viktor erhält einen Anruf seiner minderjährigen Tochter Phil. Sie benötigt seine Hilfe. Als Viktor bei seiner Tochter eintrifft findet er sie neben einer Leiche vor. Er beseitigt die Leiche des Drogendealers Musti und versucht das Haschischpaket in Italien zu Geld zu machen. Als dann der Nachwuchsganove Toni, Phils Freund und Lydia, eine verflossene Liebe Viktors auftauchen beginnt die Geschichte langsam verworren zu werden. Richtig kompliziert wird es, als auch noch Erdem, Mustis Bruder, und die Globalisierungskritiker von attac mitmischen.

Wie sich alles weiterentwickelt ist sehr unterhaltsam beschrieben. Wer schliesslich am Ende überlebt, das Hasch bekommt oder seine Rachegelüste ausleben kann, wird hier natürlich nicht veraten.

Endlich mal ein Kriminalroman, der deutlich und erfrischend von den “Wer war es”-Geschichten abweicht.

Ein Besuch auf der Homepage des Autors (www.thomaskastura.de) und im Buchladen lohnt sich.

Erschienen bei Goldmann (7,90 €)

Das zweite Buch, “Der rote Punkt” habe ich auch schon angefangen zu lesen.